© alle Fotos (außer wenn gesondert angegeben): Eveline Rabold

Haydn in der Wart

Objektinstallation von Sabine Maier [machfeld], Michael Mastrototaro [machfeld] und Eveline Rabold Stadtpark Oberwart / September 2009 Im Rahmen von "Haydn in der Wart – Die Oberwarter Sinfonie / Ein mehrteiliges Kunstprojekt"Konzept und Gestaltung: Sabine Maier (machfeld), Michael Mastrototaro (machfeld), Eveline Rabold Die Stationen zeigen Artefakte oder Zeugnisse des Aufenthaltes Haydns in Oberwart. Sie alle spielen eine Rolle in der Erzählung von Katharina Tiwald, auf die sich das gesamte Projekt „Haydn in der Wart – Die Oberwarter Sinfonie“ bezieht.

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Das Tischbeindes Joseph Haydn


Kleinrichter Somogyi aus Untewart, muss man wissen vermerkte in seinen Aufzeichnungen nicht nur Gäste und Speisefolgen, sondern auch Wettererscheinungen und, wenn auch stichworthaft, die Themen, um die sich die Gespräche bei Tisch drehten. Was diesen Henri Beyle betrifft, finden wir folgenden Eintrag in Somogyis Gästebuch: „Beil erkundigte sich ob H.s (Gott hab ihn sälig) Verbleyb i.d. Wart a.d. 1795 und ob hiesige Compost. aus seyner Hant bekannt sey, worauf ich verneinte.“
(Bei jenem Henri Beyle, der am Unterwarter Wirtshaustisch Semmelkren aß und damals ein einfacher französischer Beamter war, handelt es sich um niemand geringeren als um jenen Schriftsteller, der in späteren Jahren unter dem Pseudonym Stendhal publizieren würde.) Um uns kurz zu fassen: am Tisch des Kleinrichters Somogyi sitzt ein junger französischer Beamter, er löffelt Semmelkren, er schwärmt von den Künsten des kürzlich verstorbenen Haydn (Gott hab ihn selig!, wie Somogyi schreibt); und er fragt Somogyi, als handelte es sich um die natürlichste Sache der Welt, ob er von Haydns Aufenthalt in der Wart und jener Komposition wisse, die Haydn hier geschrieben hat. Das und nicht anderes meint der trockene Satz im Gästebuch des Kleinrichters Somogyi, der uns so lange verschleiert geblieben ist.


Aus „Die Oberwarter Sinfonie“ von Katharina Tiwald

 

Die Kutschedes Joseph Haydn


In Zeiten wie jenen erweist sich Ruhm, der nach Genie riecht, als sehr nützlich, selbst, wenn man in Eisenstadt (das damals noch nicht den Ruf einer Metropole hatte) und am Hof in Esterháza einigermaßen eingekerkert ist: es gilt bereits als Ehre, beim großen Haydn in die musikalische Lehre zu gehen, und ein gewisser Ignaz Pleyel wird nicht nur Haydns Schüler, sondern wohnt zum Zweck des Schülerseins gleich bei Haydns mit. Gönner dieses Schülers – und damit sein Financier – ist niemand anderer als Fürst Ladislaus – bzw. László – Erdödy. Nicht nur 100 Louis d’Or bringt das jährlich ein, nein: zusätzlich erhält Haydn eine Kutsche mitsamt Pferden als Geschenk. Wir kommen also zum ersten markanten Punkt in unserer Wanderung auf Haydns Spuren: Haydn war mobil.


Aus „Die Oberwarter Sinfonie“ von Katharina Tiwald
 


 

Der Rock des Joseph Haydn


Dass der damals schon recht betagte Haydn den britischen Admiral Nelson zum ersten und einzigen Mal in Eisenstadt traf, dürfen wir mit Sicherheit annehmen. Mit beinahe ebenso großer Sicherheit dürfen wir jedoch vermuten, dass die Bekanntschaft mit den beiden Hamiltons älteren Datums ist. Wie wir wissen, hat sich Haydn zweimal über längere Zeit in London aufgehalten, der damals weltweit größten Stadt, der Metropole schlechthin, und wurde geliebt, gefeiert und in den vornehmsten Häusern empfangen. Er wurde porträtiert, erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford, lernte Englisch; er erhielt Liebesbriefe und das Angebot einer kostenlosen Nasenoperation durch den berühmtesten Chirurgen der Stadt. Mit Recht dürfen wir annehmen, dass Haydn als Teil des Londoner Starrummels bei der Hochzeit Lord Hamiltons zugegen war. Und es war niemand anderer als Lady Hamilton, die mit ihrer Gabe der Verkleidung – sie war berühmt für ihre Nachahmungen mythologischer Gestalten, selbst Goethe erwähnt das – und ihrem diplomatischen Spürsinn mehr als einmal als Agentin für das britische Reich gewirkt hat. Ein verrückter Zufall der Geschichte will es, dass gerade diese schillernde Gestalt, diese femme fatale, dieses Kommunikationstalent und It-Girl des achtzehnten Jahrhunderts es war, der wir nun, mehr als zweihundert Jahre später, zu verdanken haben, dass wir behaupten können: ja, Joseph Haydn ist in der Wart gewesen.


Aus „Die Oberwarter Sinfonie“ von Katharina Tiwald

 

Fotos Installation Stadtpark: Michael Mastrototaro